Innovation

DocsTalk: Stimmen aus der Praxis - echte Erfahrungen, echte Lösungen

Mit DocsTalk öffnen wir unser digitales Interviewstudio: Hier sprechen wir mit Partnern, Anwendern und Wegbereitern der Telemedizin über ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Erfolge. Authentisch, praxisnah und mit wertvollen Einblicken in Projekte, die Gesundheitsversorgung nachhaltig verändern.

Telekooperation in der Pflege (Trier)

Wenn Pflegefachkräfte kurzfristig fachliche Unterstützung benötigen, ist schnelle Expertise entscheidend. Doch wie lässt sich qualifizierte Beratung unkompliziert und zeitnah in den Pflegealltag integrieren?


Genau hier setzt das Projekt „Telekooperation in der Pflege“ der Vereinigten Hospitien an. Durch die gezielte Nutzung digitaler Kommunikationswege wird professionelle Expertise standortunabhängig verfügbar – direkt dort, wo sie gebraucht wird.

Für unser DocsTalk-Interview haben wir mit Hannah Schwarz gesprochen, die das Projekt von Beginn an begleitet und verantwortet hat, über die praktische Umsetzung gesprochen. Sie berichtet, welche Schritte entscheidend waren, welchen Herausforderungen das Team begegnet ist und welche wertvollen Erkenntnisse andere Einrichtungen aus dem Projekt ziehen können.

Einstieg & Kontext

1. Frau Schwarz, welche Rolle hatten Sie in den Vereinigten Hospitien, welche Rolle im Projekt „Telekooperation in der Pflege“ und was war Ihre zentrale Aufgabe? 

„Seit dem 01.07.2024 bin ich bei den Vereinigten Hospitien tätig und habe unmittelbar die Projektleitung für das Projekt ‘Telekooperation in der Pflege’ übernommen. Diese Funktion übe ich bis heute aus. Das Projekt lief zunächst bis Ende September und wird nun weitergeführt, ausgerollt und kontinuierlich weiterentwickelt.

Meine zentralen Aufgaben umfassten die gesamte interne und externe Projektkoordination, die Durchführung von Schulungen sowie die Berichterstattung gegenüber dem GKV-Spitzenverband. Darüber hinaus war ich für die projektbezogene Finanzbuchhaltung verantwortlich. Insgesamt lag das vollständige Projektmanagement in meinem Zuständigkeitsbereich.”

2. Was war der konkrete Ausgangspunkt: Welches Problem oder welcher Engpass sollte mit Telepflege gelöst werden?

„Das Projekt ‘Telekooperation in der Pflege’ wurde in Trier durchgeführt, einer Region in unmittelbarer Nähe zu Luxemburg. Da Pflegekräfte in Luxemburg deutlich höhere Gehälter erzielen als in Deutschland, ist die Tätigkeit dort besonders attraktiv. Dies verstärkt den ohnehin bundesweit bestehenden Fachkräftemangel in der Region Trier zusätzlich. Vergleichbare Entwicklungen sind auch in anderen Grenzregionen zu beobachten.

Vor diesem Hintergrund stellten sich die Vereinigten Hospitien die Frage, wie sich das Berufsbild der Pflege durch innovative Versorgungsformen weiterentwickeln und attraktiver gestalten lässt.

Das Projekt wurde im Stift Sankt Irminen umgesetzt. Die Einrichtung ist durch lange Wege geprägt, sodass Pflegekräfte viel Zeit für interne Abstimmungen und kurze fachliche Rücksprachen aufwenden müssen. Ziel des Projekts war es daher, den internen fachlichen Austausch effizienter zu gestalten und die Pflegekräfte im Arbeitsalltag zu entlasten.”

Projektstart & Einführung

3. Was waren die größten Herausforderungen ganz zu Beginn – organisatorisch, rechtlich oder im Team?

„Die größte Herausforderung zu Beginn war die fehlende digitale Infrastruktur – ein Thema, das viele Einrichtungen betrifft. Ohne eine stabile technische Grundlage lassen sich Digitalisierungsprojekte kaum umsetzen. Auch in unserem Fall musste zunächst die infrastrukturelle Basis geschaffen werden. Insgesamt wurden rund sechs Kilometer Kabel in der gesamten Einrichtung verlegt, um eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen. Erst danach konnten WLAN, Hard- und Software eingerichtet werden. Diese Vorbereitungsphase nahm entsprechend viel Zeit in Anspruch.

Eine weitere Herausforderung betraf die eingesetzte Software. Sie stammt ursprünglich aus der Telemedizin und war nicht auf die Anforderungen der Pflege ausgerichtet. Daher musste sie inhaltlich und strukturell angepasst werden. Beispielsweise wurden Begrifflichkeiten verändert, um der Rolle der Pflegefachkräfte gerecht zu werden und die Akzeptanz im Team zu fördern. Ziel war es, eine Lösung zu schaffen, mit der sich die Mitarbeitenden identifizieren können.

Neben den technischen und inhaltlichen Anpassungen erforderte auch die Schulung der Mitarbeitenden einen erheblichen Zeitaufwand. In der Folge verkürzte sich die eigentliche Erprobungsphase des Projekts deutlich.”

4. Wie hat das Pflegepersonal initial auf die videobasierte Zusammenarbeit reagiert?

„Die Pflege ist ein stark routinengeprägtes Berufsfeld. Veränderungen – unabhängig davon, ob es sich um Digitalisierungsprojekte oder andere Innovationen handelt – greifen in bestehende Abläufe ein und erfordern Anpassungen. Deshalb war es zu Beginn und auch im weiteren Verlauf des Projekts notwendig, klare Strukturen und Verbindlichkeiten zu schaffen. Nur so konnte ein gemeinsames Verständnis dafür entstehen, welche Ziele mit dem Projekt verfolgt werden.

Hinzu kommt, dass Digitalisierungsprojekte für Pflegekräfte zunächst einen zusätzlichen Aufwand bedeuten. Angesichts der ohnehin hohen Arbeitsbelastung stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Diese Ausgangslage wurde bereits in der Planungsphase berücksichtigt.

Eine grundsätzliche Ablehnung im Team gab es jedoch nicht. Von Beginn an wurde großer Wert auf Transparenz und Beteiligung gelegt. Bereits in einer frühen Projektphase fanden Kick-off-Veranstaltungen statt, in die neben den Mitarbeitenden auch Angehörige sowie Bewohnerinnen und Bewohner einbezogen wurden. Ziel war es, umfassend über die geplanten Maßnahmen zu informieren – etwa über infrastrukturelle Arbeiten, zeitliche Abläufe, Schulungen und die konkreten Auswirkungen auf den Arbeitsalltag.

Durch diese frühzeitige Einbindung sollte vermieden werden, dass das Projekt als übergestülpte Maßnahme wahrgenommen wird. Stattdessen wurde den Mitarbeitenden die Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen, Bedenken zu äußern und den Prozess aktiv mitzugestalten. Der offene Umgang mit Skepsis und möglichen Vorbehalten war dabei ein zentraler Erfolgsfaktor.”

5. Was war rückblickend der wichtigste Erfolgsfaktor für einen funktionierenden Start?

„Der entscheidende Erfolgsfaktor war die Kommunikation.
 
Insbesondere die begleitenden Workshops sowie die Auffrischungsschulungen hatten einen spürbar positiven Einfluss auf die Motivation der Mitarbeitenden. Ein besonders prägendes Format war ein Vor-Ort-Workshop, in dem konkrete Fallsituationen aus dem Pflegealltag gemeinsam analysiert wurden. Dabei konnten Probleme offen benannt und direkt diskutiert werden.
 
Der große Mehrwert bestand darin, dass Vertreter des Softwareanbieters unmittelbar vor Ort waren. So konnten Lösungsvorschläge direkt erarbeitet, Rückmeldungen aufgenommen und Anregungen in die Weiterentwicklung überführt werden. Dieser unmittelbare Austausch stärkte das Vertrauen in das Projekt.
 
Es zeigte sich deutlich, dass bereits das aktive Zuhören und das ernsthafte Aufgreifen von Rückmeldungen wesentlich dazu beitragen, dass sich Mitarbeitende wahrgenommen und beteiligt fühlen. Rückblickend lässt sich daher festhalten: Kommunikation ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Projektstart.”

Anwendung im Pflegealltag

6. In welchen Situationen wird die Telekooperation heute tatsächlich genutzt? Und wo zeigt sich der größte Mehrwert im Alltag: eher fachlich, organisatorisch oder menschlich?

„Im Projekt wurde die Telekooperation vor allem für den fachlichen Austausch zu Wunden und Hautauffälligkeiten genutzt. Die videobasierte Zusammenarbeit ermöglicht es, Veränderungen unmittelbar visuell zu zeigen und gemeinsam zu beurteilen. Dadurch entfällt die zeitverzögerte Rückmeldung; Einschätzungen können direkt erfolgen. Ergänzend besteht die Möglichkeit, Bild- und Dokumentationsmaterial asynchron weiterzuleiten und gezielt an die zuständige Fachkraft zu übermitteln.

Der größte Mehrwert zeigte sich neben der fachlichen Qualität insbesondere in der psychischen Entlastung der Pflegekräfte. Ursprünglich war vor allem eine physische Entlastung geplant, etwa durch die Reduzierung von Wegezeiten. In der Praxis wurde jedoch deutlich, dass die unmittelbare Weitergabe von Informationen den Arbeitsalltag spürbar erleichtert. Pflegekräfte müssen Beobachtungen nicht mehr ‘im Kopf behalten’, sondern können sicher sein, dass relevante Informationen dokumentiert und weiterbearbeitet werden.

Diese Form der strukturierten Weitergabe schafft mehr Klarheit im Arbeitsprozess und ermöglicht es, sich mit freiem Kopf der nächsten Aufgabe zuzuwenden. Der Mehrwert liegt somit sowohl in der fachlichen Weiterentwicklung der Pflegeprozesse als auch in einer persönlichen Entlastung im Berufsalltag.”

7. Gab es überraschende Effekte, z.B. bei Kommunikation, Dokumentation oder den Entscheidungswegen? 

„Ein Effekt, der uns tatsächlich zum Schmunzeln gebracht hat, war, dass die Pflegekräfte die Wege weiterhin gegangen sind. Unsere Pflegedienstleitung sagte einmal augenzwinkernd, die Wege seien offenbar nicht weit genug. Das war für mich jedoch eine große Bestätigung für die Fachkräfte, denn es hat gezeigt, dass Menschlichkeit und persönliche Nähe weiterhin im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen.

Oft besteht die Sorge, dass durch digitale Tools die Beziehung zu den Bewohnerinnen und Bewohnern leidet oder Technik die menschliche Komponente ersetzt. Diese Befürchtung gab es teilweise auch bei uns – insbesondere im Hinblick auf unsere Teledoc-Rollständer ‘Carlo’. Doch genau das war nie Ziel des Projekts. Es ging vielmehr darum, Kommunikation zu erleichtern und Prozesse besser zu priorisieren.

Die eigentliche Überraschung war daher, wie selbstverständlich die Pflegekräfte zwischen digitaler Unterstützung und persönlicher Präsenz unterscheiden. Sie wissen sehr genau, wann der direkte Kontakt erforderlich ist und wann eine digitale Klärung sinnvoll und ausreichend ist. Dass die Menschlichkeit trotz technischer Unterstützung klar im Zentrum bleibt, war eine besonders positive Erfahrung.”

8. Change Management – wie gelingt es, Telepflege als festen Bestandteil der Arbeitsprozesse zu integrieren?

„Zwei Aspekte sind dabei aus meiner Sicht zentral.

 

Erstens: Nicht die Pflege muss sich der Digitalisierung anpassen, sondern die Digitalisierung der Pflege. Es ist Aufgabe von Softwareherstellern sowie Projektverantwortlichen, Lösungen zu entwickeln, die sich am tatsächlichen Workflow der Pflege orientieren. Pflegekräfte sollten nicht das Gefühl haben, ihre Arbeitsweise grundlegend verändern zu müssen, sondern erleben, dass sich Software, Hardware und Prozesse möglichst nahtlos in ihren Alltag einfügen.
Das ist durchaus eine Herausforderung, weil Entwicklerinnen und Entwickler in der Regel keine Praktiker sind. Umso wichtiger ist der enge Austausch mit den Einrichtungen. Nur wenn reale Anwendungsfälle und konkrete Arbeitsabläufe berücksichtigt werden, entstehen Lösungen, die in der Praxis akzeptiert und genutzt werden.
Zweitens: Digitalisierung ist Chefsache. Die Initiative und klare Haltung müssen von der Leitungsebene ausgehen. Dabei geht es nicht um Druck, sondern um Befähigung, Motivation und eine transparente Vermittlung des Mehrwerts. Wenn die Führung nicht hinter dem Vorhaben steht, wird es im Alltag kaum nachhaltig umgesetzt.
Diese beiden Punkte sind aus meiner Sicht entscheidend, um Telepflege erfolgreich in bestehende Prozesse zu integrieren.”

9. Wie war die Akzeptanz der Bewohner? 

„Die Akzeptanz war insgesamt sehr positiv. Viele Bewohnerinnen und Bewohner waren durch die Erfahrungen in der Corona-Pandemie bereits mit digitalen Kommunikationsformen vertraut. Für sie war es nachvollziehbar, mit einer Person zu sprechen, die sich nicht vor Ort befindet. Das grundsätzliche Verständnis für diese Art der Kommunikation war daher vielfach vorhanden.

Zudem wurde die Telekooperation teilweise auch als willkommene Abwechslung im Alltag wahrgenommen. Einige Bewohnerinnen und Bewohner zeigten großes Interesse an der neuen Technik. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Frage eines Bewohners: ‘Wann kommt Carlo mal zu mir?’ Das verdeutlicht, wie offen und neugierig viele dem Projekt begegnet sind.

Kritische Rückmeldungen bezogen sich weniger auf die Technik selbst, sondern eher auf allgemeine pflegerische Herausforderungen, etwa Zeitressourcen. Dabei war es wichtig zu betonen, dass Telepflege nicht als Ersatz persönlicher Zuwendung gedacht ist, sondern Pflegekräfte entlasten soll, um mehr Zeit für direkte Betreuung zu schaffen.

Skepsis gab es vereinzelt im Zusammenhang mit demenziell veränderten Personen, vor allem seitens der Angehörigen. Hier stellte sich die Frage, wie die Betroffenen auf eine digitale Kommunikationssituation reagieren und ob sie diese einordnen können. In solchen Fällen war ein sensibler, individueller Umgang entscheidend. Gemeinsam mit den An- und Zugehörigen wurde jeweils abgewogen, ob und in welcher Form der Einsatz sinnvoll ist.

Zu Beginn wurden persönliche Gespräche in den Zimmern geführt und Einwilligungserklärungen eingeholt. Dabei zeigte sich, dass manche Menschen befürchteten, selbst aktiv mit Technik umgehen zu müssen. Durch eine verständliche und angepasste Erklärung ließ sich diese Sorge in der Regel schnell ausräumen. Insgesamt war die Einführung mit einer guten und zielgruppengerechten Kommunikation gut umsetzbar.”

Wirkung auf Personal & Organisation

10. Wie hat sich der Einsatz auf die Arbeitsbelastung und Zufriedenheit der Mitarbeitenden ausgewirkt?

„Die Arbeitsbelastung ist im Projektverlauf zunächst gestiegen. Veränderungen von Routinen bedeuten immer einen zusätzlichen Aufwand und können als Stressfaktor wahrgenommen werden. Das ist ein realistischer Teil jedes Veränderungsprozesses.

Mit zunehmender Stabilität der Technik wurde jedoch deutlicher, welchen konkreten Mehrwert die Telekooperation bieten kann. Viele Mitarbeitende haben erkannt, wie unterstützend das System im Alltag wirkt, wenn es zuverlässig funktioniert. Gleichzeitig ist die Akzeptanz sehr individuell: Einige sind ausgesprochen offen, denken das Projekt aktiv weiter und möchten neue Möglichkeiten ausprobieren. Andere stehen digitalen Lösungen eher zurückhaltend gegenüber.

In zahlreichen Gesprächen wurde jedoch auch der Wunsch geäußert, die Telekooperation schneller auszuweiten, etwa in der Kommunikation mit Ärztinnen und Ärzten, weil der Nutzen als spürbar erlebt wird.

Bei zurückhaltenderen Mitarbeitenden haben wir versucht, individuell anzusetzen und den direkten Austausch zu suchen. Gleichzeitig zeigten sich praktische Hürden: Aufgrund des Personalmangels wurden größere Rollständer nicht immer genutzt, was zu Prozessunterbrechungen führte. Auch die eingesetzten mobilen Endgeräte erwiesen sich im Pflegealltag teilweise als zu unhandlich.

Daher wurde nach Ende der offiziellen Projektlaufzeit entschieden, die Lösung weiterzuentwickeln und stärker an die tatsächlichen Arbeitsbedingungen anzupassen. Der Fokus liegt nun auf einer Smartphone-basierten Webapplikation. Das Smartphone ist ein vertrautes Alltagsgerät, wodurch die Einstiegshürde sinkt und die Integration in bestehende Abläufe erleichtert wird.

Insgesamt zeigt sich: Der Erfolg hängt maßgeblich davon ab, wie gut digitale Lösungen an den realen Arbeitsalltag angepasst werden.”

11. Gab es messbare Effekte, z. B. weniger Wege, schnellere Entscheidungen oder eine bessere Nutzung von Fachkompetenz?

„Der deutlichste Effekt zeigte sich in der besseren Nutzung vorhandener Fachkompetenz. Durch die schnelle Weitergabe von Informationen konnten Fachkräfte und Wohnbereichsleitungen zeitnah Einblick in relevante Entwicklungen auf ihren Stationen gewinnen.

Gerade für Leitungsverantwortliche bedeutete dies einen erheblichen Mehrwert: Sie erhielten einen strukturierten Überblick über das aktuelle Geschehen, ohne physisch überall gleichzeitig präsent sein zu müssen. Das erleichterte es, Situationen frühzeitig zu bewerten und angemessen zu reagieren.

Darüber hinaus unterstützte die digitale Dokumentation eine effizientere Vorbereitung von Maßnahmen. Wenn beispielsweise Beschwerden wie Kopfschmerzen gemeldet wurden, konnten relevante Informationen – etwa zur Vorgeschichte oder bereits ergriffenen Maßnahmen – unmittelbar eingesehen werden. Dadurch ließen sich Entscheidungen schneller treffen und Arbeitsabläufe gezielter planen, was wiederum Wegezeiten reduzierte.

Insgesamt führte die Telekooperation zu mehr Transparenz, einer verbesserten fachlichen Steuerung und effizienteren Prozessen im Alltag.”

12. Hat sich insgesamt die Rolle der Pflegefachkräfte durch die Telekooperation verändert?

„In der aktuellen Projektlaufzeit hat sich die Rolle der Pflegefachkräfte noch nicht grundlegend verändert. Allerdings haben wir uns im Projekt bewusst damit beschäftigt, wie durch Telepflege perspektivisch leidensgerechte Arbeitsplätze geschaffen werden können. Dieses Thema nehmen wir in die Weiterentwicklung und in kommende Projektphasen mit.

Konkret geht es darum, pflegefachliche Expertise im System zu halten – auch dann, wenn eine direkte Tätigkeit am Bett nicht mehr möglich ist. Beispiele sind schwangere Pflegekräfte, die frühzeitig ein Beschäftigungsverbot erhalten, oder Mitarbeitende mit gesundheitlichen Einschränkungen, etwa bei Rückenproblemen. Telekooperation kann hier neue Einsatzmöglichkeiten eröffnen und das Rollenverständnis perspektivisch erweitern.

Während der Projektlaufzeit hatten wir eine entsprechende Stellenausschreibung, die sich allgemein an Pflegefachkräfte richtete. Dabei erhielten wir sogar Bewerbungen aus anderen Bundesländern, unter anderem aus Bayern, mit dem ausdrücklichen Wunsch, telepflegerisch tätig zu sein. Das zeigt, dass die Offenheit für solche Arbeitsmodelle bereits vorhanden ist – teilweise weiter, als wir es zu Beginn erwartet hätten.

In der offiziellen Projektphase ließ sich dieses Modell organisatorisch noch nicht umsetzen, aber es wurde deutlich, welches Potenzial in dieser Weiterentwicklung der Rolle liegt.”

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Grenzen, Learnings & ehrliche Bewertung

13. Wo stößt Ihrer Meinung nach Telepflege aktuell an Grenzen?

„Aktuell stößt Telepflege vor allem an die bestehenden Strukturen pflegerischer Arbeit. Es geht darum, Vernetzung und fachlichen Austausch noch stärker in die Routinen des Pflegealltags zu integrieren. Solange digitale Prozesse nicht selbstverständlich Teil der Abläufe sind, bleiben sie eine zusätzliche Aufgabe statt einer echten Unterstützung.

 

Ein weiterer Punkt ist die Hardware. Für unseren Anwendungsfall hat sich gezeigt, dass Smartphones in Kombination mit einer Web-Applikation für die interne Kommunikation deutlich praktikabler sind. Die großen Rollständer – unsere ‘Carlos’ – sind damit keineswegs obsolet, sondern müssen gezielter eingesetzt werden.

 

Für kurze fachliche Abstimmungen zwischen Professionen eignet sich eine mobile, niedrigschwellige Lösung wie das Smartphone sehr gut. Geht es hingegen um strukturierte Televisiten oder diagnostische Anwendungen unter Einbeziehung der Bewohnerinnen und Bewohner, sind die Rollständer weiterhin sinnvoll.

 

Die Grenze liegt daher weniger in der Telepflege selbst als in der Frage, wie klar zwischen unterschiedlichen Anwendungsfällen unterschieden und die passende technische Lösung gewählt wird.”

14. Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen, wenn Sie noch einmal starten würden?

„Rückblickend würde ich vor allem zwei Dinge verändern: die Hardware von Beginn an stärker an den Pflegealltag anpassen und mehr Zeit einplanen.

Die Projektlaufzeit von 15 Monaten – abzüglich der umfangreichen Vorbereitungsphase – war für eine nachhaltige Implementierung zu kurz. Für die eigentliche Erprobung blieben knapp acht Monate. Das ist wenig, wenn es darum geht, Routinen zu verändern und neue Arbeitsweisen in der Praxis zu verankern. Aus meiner Sicht wäre eine längere Laufzeit für Modellprojekte dieser Art sinnvoller und fairer gegenüber den Mitarbeitenden.

Natürlich war es notwendig, innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens Ergebnisse zu liefern. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass es nicht darum geht, möglichst schnell ein ‘Hochglanzprojekt’ zu präsentieren, sondern reflektiert in die Praxis zu gehen. Veränderung braucht Zeit – für die Mitarbeitenden ebenso wie für die Projektverantwortlichen.

Auch in der Weiterentwicklung achten wir daher stärker darauf, bewusst Tempo herauszunehmen, Prozesse zu erproben und allen Beteiligten die Möglichkeit zu geben, sich einzuarbeiten und die neuen Strukturen wirklich zu verstehen.”

Ausblick & Relevanz über das Projekt hinaus

15. Wie war die Akzeptanz von Telepflege am Ende des Projektes?

„Die Akzeptanz war unterschiedlich. Es gab Mitarbeitende, die sehr gespannt waren, wie es weitergeht, und andere, die aufgrund hoher Belastung eher in ihren Routinen geblieben sind. Personalmangel und Arbeitsdruck führen dazu, dass Innovation nicht immer Priorität hat.

Gleichzeitig ist die Motivation sowohl auf Leitungs- als auch auf Pflegeebene weiterhin hoch. Aktuell führen wir Smartphones mit sprachbasierter Dokumentation ein, weil Studien hier einen deutlichen Mehrwert zeigen. Unser Ziel ist es, zunächst einen direkten Nutzen im Alltag spürbar zu machen und darauf aufbauend die Telekonsultation schrittweise – Wohnbereich für Wohnbereich – zu implementieren. So können digitale Kompetenzen wachsen und Prozesse stabil etabliert werden.”

16. Welche Rolle kann Telepflege künftig im Pflegesystem spielen – auch über Modellprojekte hinaus?

„Ich sehe großes Potenzial in unterschiedlichen Versorgungssettings. Besonders im ambulanten Bereich zeigen sich durch längere Wege erhebliche Effekte auf Pflegeprozesse.

In der stationären Langzeitpflege liegt der Mehrwert vor allem im internen fachlichen Austausch sowie in der Kommunikation mit Haus- und Fachärzten. Angesichts von Pflege- und Ärztemangel kann Telepflege beide Seiten entlasten. Richtig eingeführt, bietet sie die Chance, das Gesundheitssystem besser zu vernetzen, Qualität zu sichern und Arbeitsprozesse transparenter zu machen.

Für mich überwiegen die positiven Effekte – vorausgesetzt, wir haben den Mut, Veränderungen aktiv zu gestalten.”

17. Was müsste passieren, damit solche Lösungen nachhaltig in die Regelversorgung kommen?

„Ein entscheidender Faktor ist eine einheitliche Finanzierung. Einzelne Bundesländer fördern bereits Televisiten, doch es braucht bundesweit verlässliche Strukturen jenseits von Selektivverträgen und Modellprojekten.

Aktuell erfordert die Finanzierung viel organisatorischen Aufwand – von Förderanträgen bis zu Einzelverträgen mit Krankenkassen. Diese Ressourcen fehlen letztlich in der Praxis. Um Telepflege nachhaltig zu etablieren, braucht es finanzielle Sicherheit und klare Rahmenbedingungen, damit auch andere Einrichtungen von den gewonnenen Erkenntnissen profitieren können.”

18. Denken Sie, dass durch Telepflege andere Arbeitsmodelle entstehen können?

„Ja, sowohl neue Arbeitsmodelle als auch neue Rollenprofile. Denkbar sind beispielsweise angepasste Bereitschaftsmodelle oder telepflegerische Tätigkeiten im Homeoffice.

Darüber hinaus eröffnet Telepflege die Möglichkeit, Kompetenzen gezielter einzusetzen – etwa bei Pflegevorbehaltsaufgaben – und persönliche Stärken stärker zu berücksichtigen. Pflegekräfte mit digitaler Affinität könnten gezielt gefördert werden. Hier sehe ich erhebliches Entwicklungspotenzial.”

19. Ein Satz, der den Nutzen von Telekooperation in der Pflege zusammenfasst?

Verbindung schafft Vertrauen.
Durch bessere Kommunikation und die Sicherheit, Informationen verlässlich weiterzugeben, entsteht Vertrauen – bei Pflegekräften ebenso wie bei Bewohnerinnen, Bewohnern und Angehörigen.

Hannah Schwarz | Projekt „Telekooperation in der Pflege”

Projektleitung, Vereinigte Hospitien, Trier

20. Eine Empfehlung an andere Träger, die überlegen einzusteigen?

„Suchen Sie das Gespräch mit Ihren Pflegekräften. Klären Sie gemeinsam, wo die konkreten Herausforderungen im Alltag liegen.
 
Nicht jede Einrichtung hat dieselben Problemlagen. Digitalisierung sollte kein Selbstzweck sein. Entscheidend ist, die eigenen Bedarfe zu analysieren und Lösungen gezielt zu priorisieren. Wer aus der Praxis heraus denkt und kommuniziert, legt die Grundlage für eine nachhaltige Umsetzung.”
 
Vielen lieben Dank Frau Schwarz, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben, mit uns das Interview zu führen und auch vor allem umso wichtiger, Ihre Expertise zu teilen. Ich hoffe sehr, dass nicht nur wir jetzt viel davon lernen konnten, sondern auch zukünftig andere davon profitieren können!

„Ja klar, super gerne. Ich bin weiterhin erreichbar für alles, was mit Telepflege zu tun hat. Das ist mir ganz wichtig. Es ist nämlich ein Herzensprojekt von mir.“
Zum Projekt Telekooperation in der Pflege

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